Mein Kind hat eine Lese-Recht­schreib­schwäche

Frau H. meldete sich bei mir mit folgender Aussage: «Unser Jan liest nicht gerne und wenn, dann liest er sehr langsam und kann die Zeilen nur mit Mühe halten. Das Vertauschen von Buchstaben und Zahlen macht es ihm schwer, den Sinn eines Textes zu erfassen. Er schweift immer wieder vom Text ab und will lieber etwas Anderes machen. Hausaufgaben sind ihm ein Gräuel. Hinzu kommt, dass er sich gelegentlich auch tollpatschig verhält und Gläser umstösst oder über die eigenen Füsse stolpert.» Eltern, welchen solches bekannt vorkommt, sollten die Augen ihres Kindes auf ein visuelles Wahrnehmungsdefizit prüfen lassen.

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(Bild: Fotolia)

Beim Sehvorgang zählt nicht bloss die Sehschärfe jedes einzelnen Auges. Ebenso wichtig ist das Zusammenspiel des Augenpaares. Betroffen von Störungen im beidäugigen (binokularen) Sehen sind sowohl weit- wie auch kurzsichtige Kinder und solche, deren Einzelaugen ohne Brille oder Kontaktlinse scharf sehen. Es ist letztlich entscheidend, dass die Bilder des rechten und linken Auges entspannt zu einem Seheindruck verarbeitet werden. Die Fachwelt spricht dann von einem optimalen Sehvorgang, wenn deutliches, komfortables (entspanntes) und binokulares Einfachsehen erreicht ist. Kann dies gar nicht oder nur mit widernatürlicher Anstrengung der Augenmuskeln geschehen, zeigen sich nicht selten die von Frau H. bei Jan beobachteten Symptome.

Die hier geschilderten Auffälligkeiten zwingen dazu, das Funktionieren der visuellen Wahrnehmung von Jan eingehend und sehr detailliert zu prüfen. Das blosse Feststellen von Kurz- oder Weitsichtigkeit, evtl. gepaart mit Hornhautverkrümmung, reicht nicht. Optometristen prüfen zusätzlich die motorischen Augenbewegungen (Okkulomotorik), die Fähigkeit des Augenpaares sich auf ein Objekt auszurichten (Vergenzen) und das Vermögen der Augen sich auf verschiedene Distanzen einzustellen (Akkomodation).

In der Sprechstunde zeigte sich der 11 Jahre alte Jan als aufgeweckter Junge. Er bestätigte sofort, dass ihm das Aufgaben machen zuwider sei und er halt viel lieber ‹tschutte› oder Fernsehen schaue, als ‹game› oder gar lese. Die optometrische Untersuchung brachte neben einer schwachen Kurzsichtigkeit mit kaum nennenswerter Hornhautverkrümmung an einem Auge auch ein sog. Konvergenzdefizit zu Tage. Hierbei handelt es sich um die mangelhafte Einwärts-Einstellbewegung des Augenpaares beim Sehen auf nahe gelegene Objekte, also auf Lese- und Schreibdistanz.

Jan’s Mutter hat sich entschieden, ein individuell ausgerichtetes sog. Visualtraining von rund 20 Minuten in den Tagesablauf des Sohnes einzubauen. Die Chance, dass eine schulische Benachteiligung dank konsequentem Anwenden spezifischer Sehübungen während etwa 6 – 9 Monaten verhindert werden kann, ist auch wissenschaftlich belegt. Erleichtertes verarbeiten visueller Informationen und deren Verknüpfung mit anderen sensorischen Zentren, wie allgemeine Motorik und Gleichgewichtsinn, werden dazu beitragen, dass Jan bei Naharbeiten ausdauernder wird und auch Tollpatschiges verliert.

Remo Poffa
M.Sc. Vision Science (Optometry), FEAOO

Der Optometrist Remo Poffa hat sich auf die Früherkennung auch verdeckter Störungen beim beidäugigen Sehen und deren Rehabilitation im Vorschul- und Schulalter spezialisiert. Ein für den Behandlungszyklus individuell konzipiertes Visualtraining verspricht bei konsequenter Durchführung beachtlichen Erfolg. Poffa ist Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz in der Fachrichtung Optometrie. Er leitet auch die Beratung und Betreuung der Kinder bei Brillen TROTTER AG in Aarau.
Brillen TROTTER AG, Bahnhofstrasse 55, Aarau
www.trotteraarau.ch; Tel. 062 838 22 22
(Sprechstunde nach Vereinbarung)

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