In der Schweiz greift Panik um sich

Sie können jeden treffen und überall und jederzeit auftreten: Angststörungen – Panikattacken. In der Schweiz leiden 800’000 Menschen an dieser Form von psychischer Beeinträchtigung. Oftmals ist sie so schwer, dass sie die Betroffenen komplett vom sozialen Leben ausschliesst, sie im eigentlichen Sinne behindert. «Sprechen wir darüber», fordert pro infirmis die Schweizer auf.

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(Bild: zVg) Angst kann Betroffene derart lähmen, dass sie sich im öffentlichen Leben stärker eingeschränkt fühlen als beispielsweise körperlich behinderte Mitmenschen.

Angst kann unser Leben komplett auf den Kopf stellen: «Mit Freunden gehe ich nicht mehr ins Restaurant, ich besuche keine Konzerte mehr, gehe in kein Museum, und meine Einkäufe erledige ich im Internet. Der Wunsch nach einem Spaziergang an der frischen Luft ist zwar da, aber die Angst vor einer Panikattacke zu gross. Ich bleibe zuhause, eingeschlossen in der Wohnung, ausgeschlossen aus der Gesellschaft.» So beschreibt Erika B. aus Zürich ihren Alltag in der akuten Phase ihrer Krankheit. Sie ist in «guter», prominenter Gesellschaft: Musiker wie Eric Clapton und David Bowie litten unter Panikattacken, Schriftsteller wie Bertold Brecht und Franz Kafka wurden zeitlebens von starken Ängsten geplagt.

Angststörungen sind in der Schweiz nach Depressionen die zweithäufigste psychische Beeinträchtigung. Frauen sind rund zweieinhalb Mal häufiger betroffen als Männer. Eine der schwerwiegendsten Formen von Angststörungen, die Agoraphobie, beginnt in der Regel im Übergang von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter. Betroffene können sich nicht in öffentlichen Räumen, Verkehrsmitteln oder grösseren Menschenansammlungen aufhalten. Sie leiden unter Symptomen wie Herzrasen oder Herzstechen, Zittern, Schwindel, Schweissausbrüchen oder Erstickungsangst. Aus Angst vor diesen Symptomen meiden sie die Öffentlichkeit und ziehen sich zurück. In der Konsequenz verlieren sie oft die Arbeitsstelle sowie den Anschluss an das gesellschaftliche Leben.

Ein gesellschaftliches Tabu
Von den Leistungsbezügern der Invalidenversicherung (IV) haben rund 45 Prozent eine Diagnose einer psychischen Erkrankung wie beispielsweise Angststörungen. Obwohl geschätzt nur 30 bis 50 Prozent der Betroffenen überhaupt Hilfe suchen, haben die Kosten der psychischen Erkrankungen in der Schweiz schon vor fünf Jahren die Milliardengrenze überschritten (Angaben IV). Dazu kommen zusätzliche indirekte Kosten wie etwa Arbeitsausfälle von einer halben Milliarde Franken. Bei Pro Infirmis, der grössten schweizerischen Fachorganisation im Behindertenwesen, betrifft rund ein Drittel der Dossiers Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel Angststörungen. Diese Menschen unterstützt Pro Infirmis mit Beratung und Begleitung.

Angststörungen sind ein gesellschaftliches Tabu, obwohl jede zehnte Person in der Schweiz betroffen ist. «Mit der Kampagne ‹Angst lähmt› möchten wir die Öffentlichkeit für das Thema Angststörungen sensibilisieren und die Stigmatisierung der psychischen Behinderung abbauen», erklärt Mark Zumbühl, Mitglied der Geschäftsleitung von Pro Infirmis. Der Kampagnenfilm, der über Social Media verbreitet wird, wurde mit dem bekannten und vielfach ausgezeichneten dänischen Regisseur Martin Werner gedreht und nimmt den Kampagnen-Claim «Angst lähmt» auf spielerisch-ernsthafte Art auf.

Walter Ryser

Was sind Angststörungen?
Als Angststörung bezeichnet man einen krankhaften Zustand, bei dem starke Ängste oder Panikattacken scheinbar grundlos und unangemessen auftreten. Betroffene leiden unter physischen Symptomen wie Herzrasen oder Herzstechen, Zittern, Schweissausbrüchen, Schwindel oder Erstickungsangst. Typische Merkmale krankhafter Angst: Die Angst ist der Situation nicht angemessen; die Angstreaktion dauert länger als nötig; die Angst ist unerklärbar, nicht beeinflussbar und nicht zu bewältigen.
Ohne Behandlung verlaufen Angststörungen oft fluktuierend. Weiter können sie sich zur chronischen Erkrankung entwickeln. Durch eine Therapie lassen sich Ängste in der Regel positiv beeinflussen. Panikattacken, Erwartungsangst oder Vermeidungsverhalten können vermindert oder völlig abgebaut werden.

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