Krokus-Gründer und -Bandleader Chris von Rohr ein Jahr vor dem Ende:

«Die Vorfreude auf die Adios Amigos-Tour ist riesig»

Seit 1975 steht die Solothurner Band Krokus für ehrlichen, handgemachten Qualitäts-Powerrock. Mehr als 15 Millionen verkaufte Tonträger, weltweite Tourneen, Gold und Platin in den USA und Kanada machen Krokus zur weltweit erfolgreichsten Schweizer Rockband. 1980 startete der Siegeszug durch Amerika, Kanada und England. Unvergessliche Auftritte zusammen mit grossartigen Bands wie AD/DC, Van Halen, Rush, Ted Nugent, Judas Priest oder Motörhead. Die Ehrenbürger von Memphis Tennessee waren auch die erste Schweizer Band, die 1982 das Zürcher Hallenstadion füllte. Dort werden Krokus am 7. Dezember 2019 den finalen Stecker ziehen. Gründer und Bandleader Chris von Rohr schaut im Exklusiv-Interview mit dieser Zeitung zurück, aber auch vorwärts.

(Bilder: zVg/Krokus) Während ihrer legendären Karriere rockten Krokus über 2’000 Shows auf fünf Kontinenten – verschiedene Städte, einzigartige Orte, verrückte Gigs und treue Fans. Diese lange Reise geht jetzt mit der Adios Amigos-Tour zu Ende.

Chris von Rohr, wann und wie fiel die Entscheidung, dass Krokus Ende 2019 letztmals auftreten werden?
Chris von Rohr: Das war ein langer Prozess kein Schnellschuss. Wir sagten uns irgendwann: jede Party muss mal zu Ende gehen – lasst sie uns beenden, solange sie noch richtig gut ist. Das ist zwar nicht einfach, aber uns war wichtig, lieber zu früh als zu spät aufzuhören. Den richtigen Zeitpunkt erwischst du eh nie.

Du hast die Band 1975 gegründet – was unterscheidet die heutige Truppe von derjenigen von damals?
Wir wissen heute, was und wie wir es spielen (lacht) – damals soundete das phasenweise wie ein Verkehrsunfall. Es war alles viel zu kompliziert und wir erlagen immer wieder unseren eigenen Kompositionen. Zum Glück lernten wir schnell und fanden heraus, wo unsere musikalische Heimat ist, nämlich im Bluesrock. Einen eigenen Stil, oder «Brand» wie man dem heute sagt, muss man sich erst erspielen. Und es war natürlich eine völlig andere Zeit damals.

Wie meinst du das genau?
Damals traf man sich noch in irgendeiner Wohnung um gemeinsam das neue Led Zeppelin-, Dylan- oder Pink Floyd-Album zu hören und darüber zu philosophieren. Die Musik hatte einen völlig anderen Stellenwert als heute. Sie war unsere Landkarte, eine unsichtbare Zeitung, das Navi zu unserem Leben.

Und heute?
Heute ist doch alles dem schnellen Erfolg untergeordnet. Wer nimmt sich schon noch die Zeit, etwas in Ruhe zu entwickeln? Es herrscht ein ungesunder Stress, auf allen Ebenen, ein Irrweg. Doch auch das wird sich irgendwann wieder einlenken, so hoffe ich zumindest. Gerade für die jungen Bands ist es heute sehr schwer geworden. Ich hoffe, wir können ihnen etwas Mut machen.

Wie oft werden Krokus bis Ende 2019 noch auftreten?
Es gibt eine Europatour mit grossen Festivals wie Wacken, Schwedenrock, etc., ein paar England- und USA-Daten und natürlich Schweizer Festivals im Sommer. Wir freuen uns.

Worauf legt die Band in den noch verbleibenden Gigs besonders wert?
Wir wollen schlicht aus all unseren Songs das beste Programm unserer Band-Geschichte zusammenstellen, diese Spielfreude rüberbringen. Hey man, das sind die letzten Gigs – da geben wir Vollgas!

Welcher Eindruck wird bleiben von Krokus?
Hoffentlich der von Musikern, die alles gegeben haben, die ohne Plan B ihren Traum verwirklichen durften und viel Freude verbreitet haben.

Was wird von Krokus in Erinnerung bleiben bei den Fans?
Das entscheiden die Fans. Wir hoffen, ein paar Songs, gewisse magische Momente und Erinnerungen an unsere Live-Stärke.

Welches war die schönste Krokus-Zeit?
Immer dann, wenn auf der Bühne der Sound und die gewisse Stimmung da waren. Das war zu allen Zeiten so. Dafür leben wir.

Lief nach der Re-Union vor ein paar Jahren alles rund?
Wir sind nun wieder zehn Jahre happy unterwegs. Es waren die besten Zeiten unserer Karriere – musikalisch wie auch menschlich. All’ die Erfahrungen haben uns reifer und versöhnlicher gemacht. Und 2019 setzen wir jetzt noch eins oben drauf. Die Vorfreude auf die Adios Amigos-Tour ist riesig.

Welches wird der erfolgreichste Krokus-Song aller Zeiten sein?
In Europa «Bedside Radio». In Amerika «Screaming In The Night», in England «Smelly Nelly».

Chris von Rohr: «Das, was uns verband, nämlich diese Musik, war immer stärker als das, was uns trennte. Wir sind heute eine glückliche Band und das ist schön.»

Welche Bandmitglieder machen in eigenen Projekten weiter und wo genau?
Das wissen wir jetzt alle noch nicht genau. Der Fokus liegt voll und ganz auf Krokus und auf unserer Fitness. Aber klar werden wir uns weiterhin mit Musik befassen – diese Liebe ist ewig, unser Lebenstreibstoff.

Macht die Band, abgesehen vom letzten Gig im Hallenstadion am 7. Dezember 2019 noch eine gemeinsame Abschieds-Sause wie etwa gemeinsame Ferien, ein Abschieds-Camp oder irgend so etwas?
Unsere Sause findet auf der Bühne statt – da geben wir Vollgas und feuern unser letztes grosses Rock und Roll-Feuerwerk ab. Danach gibt’s Rotwein und Pizza vor Ort – man liegt sich in den Armen und feiert mit Wegbegleitern, Crew und Freunden. Danach geht jeder seinen eigenen Weg. Klar, das wird sicher kein einfacher Moment.

Wie waren die Reaktionen nach der Ankündigung, in einem Jahr aufzuhören?
Einerseits Verständnis und Zuspruch, andererseits Unglauben, Blues und Bedauern.

Was macht Chris von Rohr ab 2020 in Sachen Musik?
Ich sehe mich nach wie vor als Student der Musik und es gibt noch jede Menge zu entdecken und zu lernen. Das ist ja das Schöne an dieser Passion. Noch auf meinem Sterbebett wird meine kleine akustische Gitarre «Conchita» neben mir liegen und mir Trost und Freude spenden.

Krokus gehen bald auf Europatour mit grossen Festivals wie Wacken, Schwedenrock, etc., ein paar England- und USA-Daten und natürlich Schweizer Festivals im Sommer 2019.

Ist ein Comeback bei Gotthard oder einer anderen Band Deinerseits möglich?
Höchstens als Songschreiber oder Produzent.

Gibt es irgendeine Krokus-Geschichte oder -Anekdote, die bisher noch nicht preisgegeben wurde?
Da gibt es einige – doch darüber und noch vieles mehr kann man dann in meinem Buch «Himmel, Hölle Rock ‘n’ Roll» lesen, das im Oktober 2019 herauskommt.

Wie lange wird der Hardrock überleben?
Ich besitze keine Kristallkugel, aber ich denke, länger als Tesla und Facebook (lacht). Gitarre und Schlagzeug sind neben dem Rad und dem grossen Tisch, wo Menschen zusammen kommen und schlemmen, die grossartigste Erfindung, die es je gab. Ich empfehle jedem Jugendlichen, sich eines dieser Instrumente zu besorgen. Sie sind die beste Medizin in dieser wirren, hektischen und kalten Welt.

Interview: Raphael Galliker

www.krokusonline.com

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